
Lautes Gerede und wildes Gestikulieren in den Straßen, mit Neonlicht ausgeleuchtete Pintxos-Bars, von Menschen, Handtüchern und Surfbrettern bunt gesprenkelte Strände und mit Studenten überfüllte Kneipen prägen das Stadtbild von San Sebastian im Baskenland. Kleine, sich durch die Landschaft windende Landstraßen, einsame Buchten und weidende Kühe auf saftigem Grün vor lang laufenden, sauberen Wellen setzen Spaniens Nordküste wie ein antikes Gemälde in Szene. Wuchernde Piniewälder, goldgelbe Dünen, Strände, die mit dem Horizont verschmelzen und frisches Baguette mit duftendem Cafe verzaubern die Sinne an der französischen Atlantikküste.

Erschöpft von den ersten Stunden an der Universtität in San Sebastian gehe ich mit Bekannten in eine unscheinbare, urige Pintxos-Bar in der Altstadt, wo ich auf Jasha treffe. Unsere Begegnung dauert nur wenige Minuten, doch wir verabredeten uns spontan für den nächsten Morgen, um eine erste gemeinsame Surfsession in den noch leeren Wellen am Zurriola-Strand genießen zu können.

Es ist 7:00 Uhr. Hinter den Bergen blitzt langsam die Sonne hervor und lässt die Stadt in all seiner Schönheit auf uns wirken, in der Luft liegt der Duft von frisch gebackenem Brot und am Strand begrüßen die Hunde den neuen Tag. Meine erste Morgensession in San Sebastian ist herrlich und ich kann es nicht erwarten, einen weiteren Unitag so beginnen zu lassen. Um dem Strand in Zukunft noch ein Stück näher zu sein, ziehe ich wiederholt um. Aufstehen, rein in den Neo, Brett unter den Arm, über die Straße und schon umspült der Atlantik meine Füße. Gemeinsam mit Jasha und Freddy, zwei meiner neuen Mitbewohner, genieße ich täglich dieses neugewonnene Lebensgefühl. Natürlich verbringen wir viel Zeit am stadteigenen Surfstrand, Zurriola, aber die überfüllten Wellen, frustrierten Locals, unzähligen Surfschulen und unzuverlässigen Wellenbedingungen vertreiben uns immer wieder aus der Stadt; an Orte, wo die Wellen uns gehören, am Strand keine Menschenseele zu erspähen und jegliches Gefühl von Zivilisation und Hektik in weiter Ferne ist.

So wecke ich Freddy und Jasha zum ersten Mal eines Samstag morgens im Oktober, um nach Frankreich aufzubrechen. Dank eines großen Kaffees und aufheiternder Musik sitzen wir kurze Zeit später im VW-Bus und freuen uns auf den ersten Sprung ins kalte Nass Hossegors. Unsere Fahrt führt über Hendaye entlang der Küste. Wir entdecken einsame Strände und verfallene Dörfchen, passierten Biarritz und nehmen deutlich den landschaftlichen Wechsel vom hügeligen Baskenland zum flachen, bewaldeten Frankreich wahr. In Hossegor angekommen muten wir uns einen kurzen Abstecher zu den bekannten Outlets zu, sehnen uns aber schon bald nach einem Blick über das Meer. Zu unserer Enttäuschung zeigt sich der sonst so unbändige, störrische Atlantik sanft wie ein plätscherndes Bächlein und so geht die Fahrt weiter nach Seignosse. Jasha kennt sich hier aus und führt uns zielsicher an einen einsamen Fleck, wo sonst wohl nur alt eingesessene Locals hinfinden. Mit Weintrauben, Baguette und leckerem französischen Käse stärken wir uns im feinen, warmen Dünensand und fahren dann zu einem Spot nördlich von Seignosse. Bei einsetzender Abenddämmerung geht es jedoch zurück zu unserem idyllischen Picknickplätzchen und wir eilen mit den Boards unterm Arm in die Wellen, die wunderschön und kraftvoll vor uns herunterbrechen. Ein paar Locals haben inzwischen auch den Weg hierher gefunden und gemeinsam genießen wir den Sonnenuntergang im Line Up.

Der nächste Morgen führt uns in das einige Kilometer westlich von San Sebastian gelegene Zarautz. Schon die Strecke ist eine Reise wert; Hügel, Kurven, Felder, Wälder und schließlich das kleine Örtchen, was für seinen bezaubernden Campingplatz auf einem Berg, mit Blick über die unendlichen Weiten des Atlantiks, bekannt ist. Zwar erwarten uns hier keine Menschenleeren Strände, aber Zarautz hat für jeden Surfer etwas zu bieten, von Weißwasser bis Tubes für Beginner und Profis. Hier muss niemand Angst haben, zu kurz zu kommen. Wir verbringen Stunde um Stunde im Wasser und kosten die konstant brechenden Wellen bis zur Dunkelheit aus.

Nach ein paar studienreichen Tagen in San Sebastian kündigt der Blick auf die Wellenprognose die nächste Spritztour an. Warteten die Profisurfer der ASP World Tour noch eine Woche zuvor vergeblich auf Wellen, sind diese Woche 18 Fuß für Mundaka angekündigt. Sind solche Bedingungen auch nur etwas für richtige Kraftpakete und Profis, so können wir uns dieses Schauspiel doch nicht entgehen lassen und bepacken den Bus.
Kurz vor Bilbao biegen wir auf die Küstenstraße ab und warten gespannt auf den ersten Ausblick auf die berüchtigte Welle von Mundaka. Und tatsächlich hätte der Anblick aus der Ferne nicht imposanter sein können.

Riesige Wellen bäumen sich schon weit draußen auf dem Meer auf und rollen, geladen mit Kraft und Energie, in die kleine Bucht. Nur erfahrenste Surfer wagten sich jetzt noch ins Wasser; und noch immer schafften es viele von ihnen nicht, mit der Welle zu verschmelzen, Eins mit ihr zu werden. Der Versuch, sie abzureiten, endet oftmals schmerzhaft und frustrierend. Ein Board nach dem Anderen wird wie ein Stück Papier von der Wassergewalt zerfetzt. Auch an Land herrscht eine besondere Stimmung. Zuschauer feuern die wenigen Mutigen an und Kameras werden aufgestellt. Als sich gegen Abend die Wellen zu beruhigen scheinen und nur noch halb so kraftvoll und eindrucksvoll die Küste erreichen, entscheiden wir uns, noch einen Blick in die nächste Bucht zu werfen und dann den Heimweg anzutreten.

Mittlerweile – es ist Mitte November – scheint in weiten Teilen Europas der Winter einzuziehen. Mein Zuhause in Schweden ist schneebedeckt und Freunde jammerten über eisige Kälte und schneidenden Wind. Nicht so in San Sebastian; hier ist noch immer Sommer und wir können es nicht erwarten, die Sonne an einem einsamen Strand in der Nähe von Santander zu genießen. Begleitet von Freunden fahren wir mit zwei Bussen entlang des Jacobswegs Richtung Santander. Es ist bereits dunkel, als wir unser Ziel Langre erreichen, doch dicht an der Klippe geparkt hören wir die Wellen auf den Sandstrand donnern und genießen die frische Landluft, die uns umgibt.
Früh am Morgen, der Bus ist noch in dichten Nebel gehüllt, checken wir die Wellen und begeben uns nach einem sporadischen Frühstück in die Fluten. Hin und wieder gesellt sich ein spanischer Surfer zu uns, aber im Großen und Ganzen sind wir in Langre für uns allein. Aus einem sonst ehrgeizigen Kampf um jede Welle wird hier ein ausgelassenes Spiel, das uns den ersten Tag im Wasser genießen und in Windeseile an uns vorbeiziehen lässt.

Am Abend fahren wir in ein nahegelegenes Örtchen im einzukaufen und so sitzen wir später mit Pasta und Wein unter einem sternenklaren Himmel und genießen die fast magische Stimmung, die die Bucht umgibt. Am nächsten Morgen wecken mich die Strahlen der aufgehenden Sonne. Leise suche ich die Kamera und krieche aus dem Bus. Am Strand versuche ich, alle Eindrücke festzuhalten - das Licht, die Einsamkeit, die fesselnde Atmosphäre des frühen Morgens. Nach und nach krabbeln auch die Anderen aus ihren Kojen und wir zwängen uns zurück in die noch nassen Neos, um erneut die einsame Bucht vom Meer aus genießen zu können.

Am Nachmittag müssen Moritz und Julius zurück nach Bordeaux. Jasha, Freddy und ich fahren weiter an die Küste von San Vincente, nach Bahia Oyambre. Ein kurzer Zwischenstopp in dem ursprünglichen, entzückenden Dörfchen, in dem viele Jakobsweg-Pilger zu nächtigen pflegen, dient dem Auffüllen unseres Proviants. Als wir bald darauf in den Schleichweg einbiegen, der uns zu unserem Schlafplatz für diese Nacht führen soll, ist die Sonne gerade im Begriff unterzugehen. Links von uns erstrecken sich grüne Felder, in weiter Ferne erhebt sich die stolze Bergkette des Nationalparks Picos de Europa, an dessen Fuß eine bunt erleuchtete Stadt liegt; rechts von uns zischt der aufgebrachte Ozean, neben unserem alten Bus muhen gelassen die Kühe. Das kleine Bauernhäuschen auf dem Hügel ist von Palmen umzingelt und am Himmel spielen die Wolken mit den letzten Sonnenstrahlen. Sie färben sich von Geld zu Rot, von Orange zu Pink und kurz bevor das Schauspiel ein Ende nimmt, scheint der Himmel Feuer gefangen zu haben.

Der nächste Tag verwöhnt uns erneut mit viel Licht und Wärme. Unermüdlich tummeln wir uns in den kleinen Wellen vom Bahia Oyambre, das Wasser glasklar und erfrischend, die Wellen sauber, der Spaß grenzenlos. Am frühen Abend machen wir schließlich den Bus startklar und begeben uns auf den Weg in Richtung San Sebastian. Voller Wehmut verlassen wir die einsame Bucht, aber wir wissen, es wird neue Ziele geben - zum Glück ist das Semester noch lang…